Spielplätze


Spielplatzneubau am Schafmattweg in Binningen, 2007

Neubau der Gartenanlage des Wohnwerks, Missionsstrasse, Basel, Frühjahr 2010

Kinder lieben andere Spielplätze

von Herbert Österreicher

Gerade unter den Lebensbedingungen städtischer Strukturen erweist es sich heute als notwendig, sich verstärkt für die kindlichen Entwicklungs- und Entfaltungsmöglichkeiten einzusetzen: Beengte Wohnraumverhältnisse, die derzeitige Verkehrssituation, der Fortschritt der Technik und Motorisierung sowie eine zunehmende Entfremdung von Naturphänomenen begrenzen bei mehr und mehr Kindern das Erleben ihrer körperlichen und psychisch-emotionalen Fähigkeiten. Als Folge dieser Entwicklung müssen deutliche Einbußen im Bereich der Kreativität und sozialen Kompetenz befürchtet werden. Kindgerechte Spiel- und Erfahrungsräume in der institutionellen Kinderbetreuung können zwar familiär und gesellschaftlich bedingte Defizite nicht grundsätzlich beheben, aber sie bieten wenigstens eine Art Gegengewicht zur Welt der Erwachsenen. Lebendig und sinnvoll gestaltete Außenräume ermöglichen besonders gut ein abwechslungsreiches Spielen mit unterschiedlichsten Materialien, das Erleben der "Magie" von Orten und Räumen, die Suche nach selbstgestellten Aufgaben und Herausforderungen.

Nur noch Regeln, Normen, Defizite?

"Der ideale Spielplatz ist die ungestaltete Wildnis. Sie animiert durch ihre Vielfalt an Farben und Formen, ihre Lebendigkeit, Frische und Wandlungsfähigkeit den Menschen, sich mit ihr und sich selbst zu beschäftigen", schreibt Hohenauer (1995), und er betont wie andere Autoren die Vielzahl an Möglichkeiten, die naturbelassene Spielräume den Kindern bieten. Das, was Kinder nämlich nach wie vor brauchen, sind Räume, die sie selbst gestalten und verändern können, Räume, deren Funktion (noch) nicht festgelegt ist, Räume, die auch Intimität und Ruhe vermitteln.

Die Realität sieht allerdings anders aus: "Zugängliche, gefahrlose und gestaltbare äußere Territorien scheinen für Kinder immer weniger verfügbar zu sein" (Blinkert 1996). Die Frage nach den möglichen Konsequenzen dieses Befundes führt in verschiedene Richtungen: Einerseits geht es - zukunftsorientiert - um die Auswirkungen auf die Entwicklungschancen der Kinder, andererseits - gegenwartsbezogen - um die heutige Lebensqualität.

In diesem Sinn hat schon die Planung des Außengeländes einer Kinderbetreuungseinrichtung eine gewisse Veränderbarkeit von Räumen, Materialien, Nutzerbedürfnissen und Spielsituationen einzuschließen. Dieser Gesichtspunkt wird bereits in der hier maßgeblichen DIN 18034 ("Spielplätze und Freiflächen zum Spielen") formuliert: Hier gilt als eines der Planungsziele, Freiflächen zum Spielen sollten "die Anpassung der Spieleinrichtungen infolge sich ändernder Spielwünsche oder Altersstruktur der Nutzer zulassen, zusammenhängende, vielgestaltige Spiel- und Bewegungsabläufe ermöglichen" sowie "Mehrfachnutzungen ermöglichen und bei entsprechender Geländegröße erweiterungsfähig sein". Aber nach wie vor finden sich zahlreiche Spielplätze, deren Planung, Weiterentwicklung oder Umgestaltung mehr an Aspekten wie Übersichtlichkeit, "Ordentlichkeit" und diesbezüglichem Pflegeaufwand orientiert sind als an einer "Entsprechung von innerer Natur und äußerer Natur" (Gebhard 2001).

Und die Sicherheit?

In Diskussionen über Fragen von Gefährdung und Sicherheit in Spiel-Gärten und auf öffentlichen Spielplätzen erleben wir derzeit häufig eine merkwürdige Diskrepanz. Fundierte Erkenntnisse und Einsichten aus der Entwicklungspsychologie und Pädagogik stehen einer Gesellschaft gegenüber, in der administrative, normative und haftungsrechtliche Festlegungen einen enormen Umfang erlangt haben. Hier spielt möglicherweise eine große Rolle, dass unser Sicherheits- und Sicherungsbedürfnis ständig zuzunehmen scheint, während wir aufgrund geänderter Lebensumstände immer weniger in der Lage sind, natürliche Gefahrenpotentiale richtig einzuschätzen und damit entsprechend umzugehen.

Wir wissen heute sehr genau, welch große Bedeutung körperliche Fähigkeiten auch für die psychische Entwicklung haben, und es sollte uns nachdenklich stimmen, wenn Kinder zunehmend Störungen in der motorischen Entwicklung aufweisen. Diese Kinder aber leiden nicht nur oft unter ihrer Mutlosigkeit und Unsicherheit, sondern sie sind gerade deswegen auch bei vielen Bewegungs- und Abenteuerspielen gefährdeter als ihre Altersgenossen. Es ist aber sicherlich falsch, diesem Phänomen lediglich mit weiter ausgefeilten Sicherheitsnormen zu begegnen, sondern wir brauchen Spiel- und Erfahrungsräume, in denen die Kinder auch lernen, mit Schwierigkeiten und Risiken umzugehen. Die weitverbreitete Sorge, die Kinder warteten gleichsam nur auf Gelegenheiten, sich oder anderen etwas Schreckliches zuzufügen, ist unbegründet. Ganz im Gegenteil verhalten Kinder sich in aller Regel sehr vorsichtig und setzen sich keinen Gefahren aus, die ihnen bedrohlich werden können.

Aus diesen Einsichten lassen sich 3 Grundsätze ableiten:

Spielerische Risiken sind ein wesentlicher Bestandteil vieler Spielmöglichkeiten und Lernerfahrungen und dürfen auch aus pädagogischer Sicht nicht fehlen.
Schwierige und riskante Situationen müssen für Kinder - ihrem Alter entsprechend - erkennbar und kalkulierbar sein; versteckte Gefahren sind unzulässig. Vorsorge- und Sicherungsmaßnahmen sind dort zu treffen, wo
1. als relativ wahrscheinliche Folge des Spiels bzw. der Gerätenutzung schwere Verletzungen auftreten können,
2. Risiken auftreten, die für diese Spielmöglichkeit unnötig sind,
3. Risiken auf mangelhafte technische Lösungen oder Wartungsfehler zurückzuführen sind,
4. Risiken nach Spielbeginn auftreten oder zunehmen, ohne dass betroffene Kinder dieser Gefährdung sofort ausweichen können.
"Spielbereiche sollten in etwa die gleiche Sicherheit und das gleiche Risiko enthalten wie Lebensbereiche, in denen sich die Spielenden üblicherweise bewegen. Es kann nicht darum gehen, für Spielbereiche ein Sicherheits-Ausnahmeklima zu schaffen" (Agde u.a. 1996) Die Entscheidung über Schutzmaßnahmen hängt dabei wesentlich von zwei Kriterien ab: die Schwere eines möglichen Unfalls und seine Wahrscheinlichkeit. Erst die entsprechende Gesamtbeurteilung ermöglicht beispielsweise, ob eine bestimmte Schutzmaßnahme notwendig ist, wie sie auszusehen hat und wie dringlich sie ist.

Wir sollten alles daransetzen, Kindern einen für ihre Entwicklung bestmöglichen Spielraum zu geben, in nachdenklicher und einfühlsamer Weise, wie dieses Ziel am besten zu erreichen ist: im einen Fall vielleicht durch Schaffung neuer Spiel- und Erfahrungsmöglichkeiten, im anderen vielleicht durch Verzicht oder wenigstens Verringerung bei ordnenden Eingriffen und Reglements, mit dem "vergeblichen, wenn auch nicht sinnlosen Wunsch..., auf die Beherrschung der Natur zu verzichten, um ihre Vertraulichkeit zu gewinnen" (Blumenberg 1981).

Literatur

Agde, G. u.a.: Sicherheit auf Kinderspielplätzen. Spielwert und Risiko. Sicherheitstechnische Anforderungen. Rechts- und Versicherungsfragen. Wiesbaden/ Berlin, 4. Aufl. 1996

Blinkert, B.: Aktionsräume von Kindern in der Stadt. Pfaffenweiler, 2. Aufl. 1996

Blumenberg, H.: Die Lesbarkeit der Welt. Frankfurt/M. 1981

Gebhard, U.: Kind und Natur. Wiesbaden, 2. Aufl. 2001

Hohenauer, P.: Spielplatz Gestaltung naturnah und kindgerecht. Wiesbaden/ Berlin 1995

Autor
Herbert Österreicher, Dipl. Ing. (FH), ist als freiberuflicher Planer für Außenanlagen an Kindertageseinrichtungen verschiedener Träger sowie als Weiterbildungsreferent im Bereich der Umweltbildung und Naturkunde tätig. Kontakt über: http://www.kinderfreiland.de

Kinderspielplatz Schafmatt, Binningen, Baujahr 2007.

Salome Bertschinger (roter Overall)
© Haefeli Gartenbau GmbH, 2016-07-13 22:51
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